Plazentarestblut bei der Geburt aufheben?


06.04.2012

Das nach der Abnabelung eines Neugeborenen in Nabelschnur und Mutterkuchen (Plazenta) verbleibende Blut ist in den letzten Jahrzehnten zunehmend in der medizinischen Diskussion zum Gegenstand des Interesses geworden. Insbesondere für die Stammzellenforschung, aber auch als Vorsorge für möglichen Therapiebedarf, hat das auch als Plazentarestblut bezeichnete Nabelschnurblut große Bedeutung erlangt.

Stammzellen im Plazentarestblut

Nabelschnurblut ist wegen der während der Schwangerschaftsendphase aktiven Umstellungsprozesse bei der Blutbildung besonders reich an Stammzellen. Stammzellen sind noch nicht vollkommen ausgebildete Körperzellen, deren endgültige Ausrichtung noch nicht festgelegt ist. Aus Nabelschnurblutstammzellen können nicht nur Blutzellen entstehen, sondern auch viele andere Zellenarten wie Knochen-, Nerven- oder Leberzellen.

Mögliche Einsatzzwecke

Das Entwicklungspotenzial von Stammzellen lässt die Vermutung realistisch erscheinen, dass Stammzellen als Basis für die Behandlung zahlreicher Krankheiten in Frage kommen könnten. In der Regel sind Stammzellen embryonal. Nur in Ausnahmefällen wurden Stammzellen auch bei Erwachsenen (adulte Stammzellen) nachgewiesen. Wegen der ethisch begründeten Problematiken vor allem im Zusammenhang mit der Erforschung von embryonalen Stammzellen, die nach künstlicher Befruchtung aus im Labor erzeugten Embryonen produziert werden können, galt die Entdeckung der außerordentlichen Stammzellen-Dichte in Nabelschnur und Plazenta in den 80er Jahre als Glücksfall für die Wissenschaft. Einer der großen Vorteile der Stammzellengewinnung aus Plazentarestblut ist die Risikoarmut im Vergleich zum Verfahren, bei dem Stammzellen dem Knochenmark entnommen werden. Auch können Nabelschnurblut-Stammzellen im Gegensatz zu Knochenmark-Stammzellen relativ einfach und dauerhaft durch Tieftemperatur-Konservierung gelagert werden. Dabei kommt allerdings ausschließlich unmittelbar nach der Geburt gesichertes Plazentarestblut für medizinische Zwecke in Betracht.

Stammzellentransplantationen

1988 wurden in Frankreich aus Nabelschnurblut gewonnene Stammzellen zum ersten Mal, bei einem an Anämie erkrankten Kind, therapeutisch eingesetzt. Mittlerweile wird ein großer Teil der Stammzellentransplantationen auf Plazentarestblut-Basis vorgenommen.

In der Regel handelt es sich bei diesen Transplantationen, die insbesondere bei Blutbildungskrankheiten und Leukämie vorgenommen werden, um Übertragungen von Fremdzellen (allogene Tansplantation). Die seit 1999 vorgenommenen Behandlungen mit eigenen Nabelschnurblut-Stammzellen (autologe Transplantationen) sind bisher auf sehr wenige Ausnahmefälle beschränkt geblieben.

Nabelschnur und Plazenta Aus Nabelschnur und Plazenta kann direkt nach der Geburt das Plazentarestblut entnommen werden.

Status in Deutschland

Die Frage, ob die Eltern bei der Entscheidung, Plazentarestblut einzulagern, lediglich auf Panikmache und Geschäftemacherei hereinfallen, oder ob sie im Rahmen ihrer Risikovorsorge-Verantwortung das Richtige und Vernünftige tun, kann vor dem Hintergrund der Fachdiskussion seriös nicht abschließend beantwortet werden. Wer sich näher für das Thema interessiert, sollte sich unbedingt über Nabelschnurblut Anbieter informieren.

Bei der Geburt gesammeltes Plazentarestblut kann in Deutschland als Spende an ein Stammzellenregister abgegeben werden oder für den Fall, dass ein Familienmitglied Stammzellen für eine Therapie benötigen könnte, eingelagert werden. Beide Varianten sind für den Spender kostenfrei. Es gibt auch die Möglichkeit für Eltern, Nabelschnurblut des Neugeborenen für den Fall einer autologen Transplantation einzulagern. Kritiker dieser für die Eltern mit erheblichen Kosten (ungefähr 1.500 bis 2.500,- EUR bei 20jähriger Lagerungszeit) verbundenen Option weisen darauf hin, dass nach heutigem Stand der Forschung, der Anwendungsbereich von eigenen Stammzellen sowohl bei Kindern wie bei Erwachsenen extrem klein ist. Zudem wird der Einwand laut, dass eigene Stammzellen bereits die Anlage der Krankheit, die sie bekämpfen helfen sollen, in sich tragen könnten, und damit unter Umständen bei einer Therapie nicht nur wirkungslos, sondern auch gesundheitsschädlich sein könnten. Auf der anderen Seite gibt es aber auch aktuelle Forschungsergebnisse, die zumindest für die Zukunft annehmen lassen, dass die autologische Transplantation von Plazentarestblut-Stammzellen in Teilbereichen von bestimmten Problemfeldern wie Jugenddiabetes, Stoffwechselerkrankungen oder Hirnschäden wichtig werden könnte.

Krankheiten

Bekannte Krankheiten im Überblick:
Diphtherie | Kinderlähmung | Keuchhusten | Hepatitis B | Masern | Mumps | Röteln